Geschwister-Prenski-Schule

Jakob Muth-Preisträger 2017

„Gestern nach der Schule habe ich mein Fahrrad aus der Schülerwerkstatt abgeholt. Aber auf dem Nachhauseweg ist die Kette dauernd abgesprungen und ich war erst ganz spät zu Hause.“  „Gestern nach der Schule war ich bei meinen Großeltern.“ – So erzählen die Fünftklässler an der Geschwister-Prenski-Schule in dem ritualisierten Morgenkreis über ihren vergangenen Tag. Und auch die Lehrkraft erzählt über ihre Erlebnisse. Manchmal gibt es auch thematische Morgenkreise. Dann berichten die Schülerinnen und Schüler, was sie in der Zeitung gelesen haben und welche Fragen sie zu aktuellen Themen haben. Zu wissen, was den anderen beschäftigt, das ist wichtig an der Geschwister-Prenski-Schule. Denn für die Schule sind vertrauensvolle Beziehungen eine der wichtigsten Grundlagen des Erfolgs. Auch deshalb duzen sich alle gegenseitig - die rund 800 Schülerinnen und Schüler ebenso wie alle Lehrkräfte und alle anderen Beschäftigten – das sogenannte „Prenski-Du“. In jeder der insgesamt 33 Klassen lernen Kinder und Jugendliche mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf gemeinsam. Sie können an der Gemeinschaftsschule mit Oberstufe sowohl den Förderschulabschluss als auch alle weiteren allgemeinbildenden Abschlüsse erwerben. Die Schule versteht sich mit Blick auf ihre Namensgeber als Schule ohne Ausgrenzung und Diskriminierung und vertritt damit ein ganzheitliches Inklusionsverständnis.

Max, Martin und Margot Prenski waren Kinder einer armen jüdischen Familie, die als Jugendliche im Dritten Reich verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Die Namensgebung der 1989 gegründeten Schule gibt den Anlass für die erzieherische Leitidee: Die Schule will den Ursachen und Folgen von Benachteiligung entgegenwirken. Auch deshalb werden hier Schülerinnen und Schüler mit nahezu allen Förderschwerpunkten und ohne diagnostizierte Bedarfe gemeinsam unterrichtet. Es ist der Schule sehr wichtig, dass die Bedürfnisse der Lernenden im Mittelpunkt stehen. Deswegen werden stets Wege gefunden, um Neues möglich zu machen. So macht beispielsweise gerade der zweite Schüler mit einer Muskelerkrankung (Muskeldystrophie) Abitur und ein stark sehbehinderter Schüler besucht derzeit die elfte Klasse. Und wer Unterstützung benötigt, weil er zum Beispiel gerade eine schwierige Phase durchmacht, seine Eltern sich scheiden lassen oder weil er gerade schulmüde ist, bekommt ebenfalls Hilfe. Zügig, unbürokratisch und effektiv. Eine wichtige Rolle spielt dabei die intensive Teamarbeit an der Schule. Jede Klasse der Sekundarstufe I hat zwei Klassenlehrkräfte, welche ihre Klassen in der Regel während der gesamten Zeit begleiten. Das macht die Beziehungen an der Geschwister-Prenski-Schule so besonders, erläutert Klassenlehrerin Barbara Schröder-Dölz: „Wir gehen gemeinsam durch alle Höhen und Tiefen, wir gehen durch die Pubertät, wir gehen auch in die Abschlussprüfung und wir fangen in der fünften Klasse gemeinsam an. Und das ist eine ganz wunderbare Sache, das ist ein bisschen wie bei der Erziehung in der Familie.“ Alle Klassenlehrkräfte eines Jahrgangs bilden ein Jahrgangsteam. Sie sitzen im Lehrerzimmer gemeinsam an einem Tisch und können sich so auch kurzfristig austauschen; die Klassen eines Jahrgangs teilen sich jeweils einen Flur. Die Teamsprecher der jeweiligen Jahrgänge schließlich sind Teil der erweiterten Schulleitung. Die Lehrerinnen und Lehrer an der Geschwister-Prenski-Schule verstehen sich als Lernbegleiter. Sie wollen durch eine zugewandte Art positive Lernbedingungen schaffen. Wichtig ist es ihnen auch, die Persönlichkeit der Schülerinnen und Schüler zu fördern. Das Vertrauensverhältnis hilft dabei, dass die Jugendlichen in allen schulischen und auch außerschulischen Fragen beraten werden können.

In der Theatergruppe bringt jeder seine besonderen Talente ein. (Geschwister-Prenski-Schule, Fotograf: Ulfert Engelkes)
In der Theatergruppe bringt jeder seine besonderen Talente ein. (Geschwister-Prenski-Schule, Fotograf: Ulfert Engelkes)
In der schuleigenen Schmiede lernen die Schüler mit Kopf, Herz und Hand. (Geschwister-Prenski-Schule, Fotograf: Ulfert Engelkes)
In der schuleigenen Schmiede lernen die Schüler mit Kopf, Herz und Hand. (Geschwister-Prenski-Schule, Fotograf: Ulfert Engelkes)
Im Projektunterricht gestalten die Schüler ihr Traumzimmer im Schuhkarton. (Geschwister-Prenski-Schule, Fotograf: Ulfert Engelkes)
Im Projektunterricht gestalten die Schüler ihr Traumzimmer im Schuhkarton. (Geschwister-Prenski-Schule, Fotograf: Ulfert Engelkes)

Die Schule ist der Überzeugung, dass eine individuelle Förderung nur dann wirklich gut gelingt, wenn man seine Schülerinnen und Schüler sehr gut kennt. Eine Besonderheit der Geschwister-Prenski-Schule, die man gleich beim Betreten der Klassenzimmer bemerkt, sind daher die Tischgruppen. In jeder Tischgruppe lernen vier bis sechs Jugendliche. Sie sind, meist für die Dauer eines Halbjahres, so zusammengesetzt, dass Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Leistungsvoraussetzungen zusammenarbeiten. So werden kooperatives Lernen und wechselseitige Hilfe ermöglicht. Die jeweiligen Lerninhalte werden unterschiedlich aufbereitet. In der Tischgruppe kann also ein fachlicher Austausch stattfinden. Die Arbeitsgegenstände und -ergebnisse können sich aber durchaus unterscheiden. Um die Schülerinnen und Schüler an diese Arbeitsweise heranzuführen, absolviert jede fünfte Klasse zu Beginn ein Tischgruppentraining, das bei Bedarf später wiederholt wird.  In den unteren Jahrgängen steuern die Lehrkräfte die Zusammensetzung noch stark, später beteiligen sich auch die Schülerinnen und Schüler daran.

Insgesamt herrscht an der Geschwister-Prenski-Schule eine ausgeglichene und ruhige Atmosphäre, sicher auch, weil die Schule schon lange auf eine klassische Klingel verzichtet. Ebenso trägt auch der gebundene Ganztag zur Atmosphäre wesentlich bei. Lernband, Mittagsfreizeiten und Projektunterricht sind hier fest verankert: In jeweils einer Kernfachstunde wird das selbstständige Lernen durch Eigenlernzeit im Lernband zusätzlich gefördert. Die Mittagsfreizeiten finden, wie der Name sagt, über Mittag statt. Je nach Jahrgang muss jeder Schüler an unterschiedlichen vielen Mittagsfreizeiten teilnehmen. Viele davon werden von den Jugendlichen des elften Jahrgangs im Rahmen des Projektes „Verantwortung“ durchgeführt. Durch das abwechslungsreiche Angebot kann jede/r Schüler/in seinen persönlichen Interessen nachgehen und beispielsweise den Girls-Club oder die Tischtennisgruppe besuchen. Die Schule möchte den Schülerinnen und Schülern vielfältige Möglichkeiten bieten. Handwerkliches wie Schmieden in der extra erbauten Schmiede gehört dabei ebenso selbstverständlich zum Angebot wie die  Robotik—AG. Nach der Mittagspause findet besonders in den unteren Jahrgängen der Projektunterricht statt. Hier werden Themen fächerübergreifend bearbeitet. Zum Beispiel werden im Projekt „Traumzimmer im Schuhkarton“ Fertigkeiten aus dem künstlerischen Bereich mit der mathematischen Berechnung von Maßen kombiniert. Durch die vielfältigen Bearbeitungsmöglichkeiten eines Projektthemas können sich die Schülerinnen und Schüler mit ihren individuellen Fähigkeiten einbringen. Der Schulleiter, Rolf Bennung, erklärt dazu: „Je vielfältiger das Angebot ist, desto höher ist die Chance, dass etwas für jeden einzelnen dabei ist. Und das ist die Grundlage für Inklusion: Wenn ich nicht irgendwelche Schablonen vorgebe, in die sich Schüler dann anpassen müssen.“

Trotzdem muss die Schule die Leistung der Lernenden beurteilen. Sie wird an der Geschwister-Prenski-Schule aus zwei Richtungen betrachtet: Zum einen gibt es äußere Leistungsanforderungen durch Standards, wie zum Beispiel die zentralen Abschlussprüfungen. Zum anderen ist die individuelle Leistungsfähigkeit entscheidend. Hier geht es darum, dass die Schülerinnen und Schüler ihren eigenen Leistungsstand erkennen und ihre persönlichen Grenzen in kleinen Schritten nach oben verschieben. Um dies zu unterstützen, werden Zensuren erst ab Klasse acht vergeben. Vorher erhalten die Lernenden Bericht- und Kompetenzzeugnisse. Die Übergabe des Zeugnisses wird mit einem Lernentwicklungsgespräch verbunden, an dem Schüler/in, Eltern und Klassenlehrer/innen teilnehmen. In diesem Gespräch blickt der/die Schüler/in auf das vergangene Schulhalbjahr zurück. Gemeinsam werden Stärken sowie Entwicklungspotenziale benannt und in einer Lernvereinbarung festgeschrieben. So stehen die Lehrkräfte auch in Kontakt zu den Eltern. Die Eltern sind auch systematisch in die Gestaltung der Schule eingebunden: Es gibt zehn thematische Elternteams (z.B. Politik, IT, Inklusion), die zur Entwicklung der Schule beitragen. Dass alle mitwirken, trägt viel zu der respektvollen Gesamtatmosphäre an der Geschwister-Prenski-Schule bei. Und die Atmosphäre kommt auch bei den Kindern und Jugendlichen an. Nele (14) sagt: „Ich finde es schön, weil die Schule Heimat ist, weil man selbstständig alles machen kann.“


Kontakt:

Geschwister-Prenski-Schule
Travemünder Allee 5a
23568 Lübeck

Schulleitung:

Herr Rolf Bennung (Schulleiter)
Frau Astrid Hannemann (Stellv. Schulleiterin)

Fachleitung Integration:

Frau Almut Clemens

Telefon: 0451 - 122 848 00
E-Mail: schulleitung(at)prenski.de

Website:

http://www.prenski.de/cms/