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Marie-Kahle-Gesamtschule

„Verschiedenheit ist der Normalfall“

Über den Schulalltag an der Marie-Kahle-Gesamtschule Bonn

Jeden Morgen zu Beginn der 2. Stunde gibt es ein reges Treiben an der Marie-Kahle-Gesamtschule in Bonn. Alle Schüler*innen sind auf der Suche nach einem geeigneten Lernraum für die kommende Stunde. Den Klassenraum können sie sich dabei nach Belieben aussuchen, ebenso wie die Lernform. Max wählt heute den Klassenraum, in dem sein Lieblingslehrer Herr Meier die Aufsicht führt. Der Pädagoge unterrichtet zwar kein Englisch, dennoch möchte Max heute seine Aufgaben bei ihm erledigen. Das ist kein Problem. Sollte Herr Meier ihm nicht helfen können, wendet sich Max einfach an die älteren Schüler*innen im Klassenraum, die das Thema vor kurzem selbst bearbeitet haben. Tina hingegen möchte bis morgen die Matheaufgaben erledigt haben und setzt sich daher in den Raum von Mathematik-Lehrerin Frau Blum. Die kann ihr die komplizierte Kurvendiskussion genau erklären.

Ursache für dieses scheinbare Durcheinander der Lernsituationen ist das Kernstück der Marie-Kahle-Schule: der sogenannte Dalton-Plan. Dabei handelt es sich um ein von der US-amerikanischen Reformpädagogin Helen Parkhurst entwickeltes Unterrichtskonzept, das sie in der Stadt Dalton in Massachusetts erstmals erprobte. Bei Dalton arbeiten die Schüler*innen autonom in ihrem eigenen Tempo und können den Raum, das Fach und die Lernpartner selbstständig auswählen. An der Marie-Kahle-Gesamtschule sind alle Beteiligten von diesem Konzept überzeugt – vor allem, weil es das inklusive Lernen unterstützt und begünstigt. Es funktioniert nur mit viel Teamarbeit, Ab- und Rücksprachen - alle fühlen sich allen Kindern und einander verpflichtet.

Fotograf: Ulfert Engelkes
Fotograf: Ulfert Engelkes

Die Marie-Kahle-Gesamtschule ist noch jung. Sie wurde erst im Jahre 2009 gegründet. Kurz nach Aufnahme des Schulbetriebs wurde die Inklusion im Schulprogramm fest verankert und umgesetzt. Vielfalt wird seither gezielt als Motor für Qualitätsentwicklung genutzt. Von derzeit rund 900 Schüler*innen haben 9 Prozent einen sonderpädagogischen Förderbedarf. Treiber für den Inklusionsprozess ist die Zukunftswerkstatt „Sonderpädagogik“. Hier arbeiten die Schulleitung und die Sonderpädagogen*innen der Schule gemeinsam an neuen Ideen, um den Grundsatz der Schule - „Eine Schule für alle“ - immer weiter voran zu bringen. „Die Zukunftswerkstatt ist der Motor unserer Arbeit und wird von allen Beteiligten als motivierende Kraftquelle empfunden“, heißt es in der Bewerbung der Schule.

Zu den wichtigen Aufgaben der Zukunftswerkstatt gehören die Gestaltung des Neubaus und der Klassenräume im alten, unter Denkmalschutz stehenden Gebäude. Damit alle sich schnell im Gebäude zurecht finden, ist der Neubau rund um zwei Innenhöfe anlegt. Damit kann jeder Raum leicht gefunden werden. In den Treppenhäusern hängen große Tafeln, auf denen Piktogramme anzeigen, welche Räume sich in den verschiedenen Stockwerken befinden. Die Treppengeländer sind zudem mit Blindenschrift versehen, sodass sich alle Schüler*innen selbständig in der Schule zurechtfinden können. Der Neubau ist barrierefrei – der Altbau weitgehend barrierefrei saniert.

In jeweils zwei Lernblöcken pro Tag arbeiten die Schüler*innen der Marie-Kahle-Gesamtschule nach der Dalton-Methode. Als Grundlage hierfür erhalten sie für jedes Fach von ihren Lehrern*innen den Dalton-Plan, der die Lernziele für jeweils fünf Wochen umfasst. In diesem Plan wird festgehalten, was in der Woche im Unterricht bearbeitet wird, welche Aufgaben bis zu welchem Zeitpunkt erledigt werden sollten und welche Kompetenzen dabei erworben werden können.

Die Arbeitsaufträge sind ganz offen gehalten, damit alle Schüler*innen individuell und differenziert am jeweiligen Fachthema arbeiten können. Die Schüler*innen stehen jede Woche vor der Herausforderung, die Bearbeitung ihrer Dalton-Pläne in einer Wochenübersicht zu planen und dort nach jeder Stunde zu dokumentieren, welche Aufgaben sie erledigt haben. Dafür erhalten sie am Ende jeder Stunde einen Stempel von den Aufsicht führenden Lehrer*innen. Diese können zusätzlich auch eine Bemerkung zum Arbeitsverhalten eintragen. Alle Materialien werden im Lernordner, den jede*r Schüler*in hat, dokumentiert.

Fotograf: Ulfert Engelkes
Fotograf: Ulfert Engelkes

Die Wochenübersicht wird dann jeweils von den Eltern unterschrieben und der Lernordner wöchentlich mit nach Hause genommen, sodass sich Eltern kontinuierlich ein Bild über den aktuellen Lernstand ihrer Kinder machen können. Die Dalton-Pläne zeigen auch, wann die nächste Klassenarbeit geschrieben wird, was gerade besondere Herausforderungen für das Kind sind – oder auch, was besonders gut gelaufen ist. Die Wochenübersichten und der Lernordner dienen als Grundlage der regelmäßigen Beratungstage. Die Beratungstage werden von den Schüler*innen gestaltet.

Durch die Arbeit mit dem Dalton-Plan und in der einstündigen Mittagspause haben die Schüler*innen die Möglichkeit, sich ihre Zeit selbst einzuteilen, individuelle Förderung zu erhalten oder sich gegebenenfalls zurückzuziehen. In der einstündigen Mittagspause können die Schüler*innen aus vielen interessanten Angeboten wählen. Diese werden von Lehrer*innen und von Schüler*innen der oberen Jahrgänge geleitet. So kann man z. B. auf dem Schulhof verschiedene Sportgeräte für die Pause ausleihen, Bastelangebote wahrnehmen oder einfach ganz entspannt im Lesecafé im gemütlichen Sitzsack ein Buch lesen.

In der letzten Einheit des Tages findet die zweite Dalton-Zeit statt. Timo hat sich entschieden, für die beiden kommenden Wochen während dieser Einheit jeweils ins Lernzentrum zu gehen. Dort kann er in einer kleineren Gruppe und in entspannter Atmosphäre in Ruhe seine Mathematik-Arbeitsaufträge bearbeiten. Alle Schüler*innen, die in der Dalton-Zeit etwas Rückzug und ein bisschen mehr Unterstützung benötigen, sind im Lernzentrum gut aufgehoben. Hier werden für die Jahrgänge 7 bis 9 zusätzliche Basiskurse und für alle Schüler*innen weitere Angebote, wie Psychomotorik oder Lernorganisation, angeboten. Im Lernzentrum können die Lehrenden, aber auch Eltern oder die Schüler*innen selbst, besondere Unterstützung in verschiedensten Bereichen beantragen. Dadurch können punktuelle Schonräume eingerichtet werden. Dalton ermöglicht individualisiertes Arbeiten für alle, ohne dass irgendjemand seine Lerngruppe dafür verlassen müsste. Auch wenn jemand in der Dalton-Zeit einfach mal eine Auszeit vom Lernen nehmen möchte, ist das an der Marie-Kahle-Gesamtschule kein Problem: „Im Dalton-Konzept lassen wir bewusst zu, dass man den Entschluss fassen kann, nicht zu arbeiten. Mit dem Interludium gibt es dafür sogar einen gesonderten Raum. Wir beobachten, dass man leichter zu einer Sache ja sagen kann, wenn man auch nein sagen darf. Wir beobachten dies nicht zuletzt auch an uns selbst,“ sagt Schulleiterin Sabine Kreutzer.  

Viele Schüler*innen engagieren sich in der Dalton-Zeit in einem oder mehreren der zahlreichen Profilkurse. Hier werden ganz unterschiedliche Aktionen, auch von externen Partnern, angeboten: vom Erlernen eines Instrumentes mit Hilfe von Mitarbeiter*innen der ansässigen Musikschule, über den Kurs HANDMADE, wo Verschiedenes mit den eigenen Händen hergestellt wird, bis hin zur Mitarbeit im Schulkiosk. Bei diesen Freizeitaktivitäten müssen die Schüler*innen einplanen, wie sie gleichzeitig ihre Dalton-Aufträge erledigen können. Bei Überschneidungen können jedoch gemeinsam mit den Lehrenden individuelle Lösungen gefunden werden.

Ein solcher Profilkurs hat sich vor einigen Jahren mit der Namensgeberin der Schule, Marie Kahle, beschäftigt. Dabei wurde ein Buch mit eigens illustrierten Bildern und selbst verfassten Texten erstellt. Marie Kahle war eine bewundernswerte Frau, die in der Zeit des Nationalsozialismus unter Lebensgefahr besonders große Zivilcourage, Toleranz und Hilfsbereitschaft bewiesen hat. Ihr Lebenswerk und ihre Taten sind Vorbild für die Denkweise der Schule: Eine Schule, die eine große Gemeinschaft bildet, in der sich alle gegenseitig unterstützen und mit Vertrauen und Respekt begegnen.

Einmal im Jahr können auch die anderen Profilkurse auf der Bühne zeigen, was sie im Schuljahr gemeinsam gelernt und umgesetzt haben. Dieses geschieht am Kulturabend, der jeweils unter einer anderen Überschrift, aber immer unter dem Motto „Schule der Vielfalt“, stattfindet. Die Schule schreibt: „Als Schule der Vielfalt haben wir uns verpflichtet, jährlich ein Event zu veranstalten, das Vielfalt feiert und uns daran erinnert, dass Verschiedenheit der Normalfall ist und wir davon alle profitieren.“ Der Kulturabend zeigt, dass alle Schüler*innen etwas zur Gemeinschaft beitragen und gemeinsam mit dem Kollegium stolz auf die Leistungen ihrer Schule sein können.

 

Kontakt:

Marie-Kahle-Gesamtschule Bonn
Graurheindorfer Straße 80
53111 Bonn

Schulleitung:

Frau Sabine Kreutzer
Telefon: 0228 777607
E-Mail: kreutzer(at)marie-kahle-gesamtschule.de
Website: http://www.marie-kahle-gesamtschule.de/